Du hast dein Depot vor Jahren bei der ING oder Comdirect eröffnet – damals war das die beste Wahl. Heute zahlst du dort 9,90 € pro Order und siehst in der Trade-Republic-Werbung 1 €. Die Versuchung ist groß: Wechseln. Aber was passiert dabei mit deinen Aktien? Werden Steuern fällig? Geht der Sparplan kaputt?
Die gute Nachricht vorweg: Ein Depotübertrag ist in Deutschland steuerfrei, kostenlos und gesetzlich geschützt. Du verkaufst nichts – die Anteile wandern einfach 1:1 zum neuen Broker, inklusive aller Steuerdaten.
In dieser Anleitung zeige ich dir Schritt für Schritt, wie der Wechsel wirklich funktioniert, was du beachten musst und wo die typischen Stolperfallen liegen. Plus ein konkretes Beispiel: Wechsel von Trade Republic zu Scalable Capital.
Was bedeutet Depotübertrag genau?
Ein Depotübertrag (Fachjargon: In-Kind-Transfer) ist die Übertragung von Wertpapieren von einem Depot zu einem anderen – ohne dass die Anteile verkauft werden. Deine ETFs und Aktien bleiben deine ETFs und Aktien, nur die Lagerstelle ändert sich.
Das Konzept ist alt: Schon Mitte des 20. Jahrhunderts gab es Übertragungen zwischen deutschen Banken. Heute ist der Prozess weitestgehend automatisiert und auch zwischen Neobrokern und klassischen Direktbanken problemlos möglich.
Wichtigster Unterschied zu „Verkaufen und woanders neu kaufen“: Beim Übertrag entstehen weder Kursgewinne noch Verluste – steuerlich passiert nichts. Du behältst deinen ursprünglichen Anschaffungspreis und damit auch deinen späteren Steueranspruch.
Steuerfrei und kostenlos – das sind die wichtigsten Fakten
Zwei Punkte machen den deutschen Depotübertrag besonders einsteigerfreundlich:
Steuerfrei
Kein Verkauf, keine Abgeltungssteuer
Weil keine Kursgewinne realisiert werden, fallen keine Steuern an. Anschaffungsdaten und gezahlte Vorabpauschalen werden vom alten zum neuen Broker übermittelt.
Kostenlos
Gesetzlich geschützt seit 2004
Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Der abgebende Broker darf für den Übertrag keine Gebühren erheben. Auch der neue Broker bietet ihn in der Regel kostenlos an.
Diese Kombination unterscheidet Deutschland von vielen anderen Ländern. Du kannst hier wirklich jederzeit den Broker wechseln, ohne wirtschaftliche Nachteile – ein Privileg, das viele Anleger nicht kennen oder ungenutzt lassen.
Wann lohnt sich ein Depotwechsel?
Drei Gründe rechtfertigen den Aufwand fast immer:
1. Zu hohe Kosten beim alten Broker
Wenn du 9,90 € pro Order zahlst, aber bei Neobrokern für 1 € handeln könntest – auf 10 Jahre macht das auch bei moderater Aktivität schnell 500–1.000 € Differenz. Bei aktiven Tradern noch mehr.
2. Bessere App oder Features
Manche Broker bieten Saveback, höhere Cash-Zinsen, Robo-Advisor oder Web-Trader, die andere nicht haben. Wenn die fehlenden Features dich kosten oder nerven, lohnt der Wechsel.
3. Broker wird eingestellt oder verändert sich
Wenn ein Broker sein Geschäftsmodell ändert (Gebühren erhöht, Sparpläne einschränkt) oder ganz aussteigt – wie bei einigen kleineren Anbietern in den letzten Jahren – wird der Wechsel zur Pflicht.
Welcher Broker tatsächlich besser zu dir passt, klärt unser ausführlicher Depot-Test 2026 – mit Vergleichstabelle und Empfehlungen je nach Anlegertyp.
Bereit zum Wechsel?
Trade Republic bietet sich für Sparplan-Anleger an: 1 € pro Trade, kostenlose Sparpläne, Saveback.
Trade Republic ansehenDepotübertrag in 5 Schritten
Der Prozess ist überraschend simpel. Wichtigster Punkt vorab: Du startest den Übertrag beim neuen Broker, nicht beim alten. Der neue Broker holt sich die Anteile vom alten.
Neues Depot eröffnen
Bevor du etwas überträgst, brauchst du das Ziel-Depot. Eröffnung dauert 10–15 Minuten. Wie das geht, zeigt unsere Anleitung: Depot eröffnen in 10 Minuten.
Übertrag beim NEUEN Broker beantragen
In der App oder im Web-Banking findest du meist unter "Depot" oder "Service" einen Menüpunkt wie "Depotübertrag" oder "Wertpapierübertrag". Dort startest du den Prozess – nicht beim alten Broker.
Daten zum alten Depot angeben
Du brauchst: Name des abgebenden Brokers, Depot-Nummer, deine persönlichen Daten (oft schon vorausgefüllt), eventuell eine Steuerbescheinigung oder Postausweis-Bestätigung – je nach Broker.
ISINs und Stückzahl auswählen
Komplettübertrag: Alle Positionen wandern. Teilübertrag: Du wählst einzelne ISINs aus. Beim Teilübertrag genau die Stückzahl angeben – Bruchstücke (z. B. 0,234 Anteile) sind oft nicht übertragbar.
Warten – 2 bis 4 Wochen
Der Rest läuft im Hintergrund zwischen den Brokern. Du bekommst meist eine Bestätigungs-Mail, wenn der Übertrag eingeleitet wurde – und eine zweite, wenn die Anteile angekommen sind.
Falls dir noch ein Schritt fehlt – die Eröffnung des neuen Depots – findest du hier die ausführliche Anleitung: Depot eröffnen in 10 Minuten.
Solange der Übertrag läuft, sind die betroffenen Positionen vorübergehend gesperrt – du kannst sie weder kaufen noch verkaufen. Das ist normal, dauert aber nur wenige Tage. Plane keine wichtigen Transaktionen während dieser Phase.
Was wird übertragen – und was nicht?
Wird übertragen
- ETFs und Aktien (vollständige Stückzahl)
- Anschaffungsdaten und Kaufkurse
- Bisher gezahlte Vorabpauschalen
- Verlustverrechnungstopf
- Anleihen, ETCs
Wird NICHT übertragen
- Laufende Sparpläne (neu einrichten!)
- Cash auf dem Verrechnungskonto (manuell)
- Bruchstücke (oft unter 1 Stück)
- Kryptowerte (je nach Broker)
- Freistellungsauftrag (neu setzen!)
Sparpläne werden nicht mitübertragen. Wenn du am 5. des Monats einen Sparplan beim alten Broker hast und der Übertrag dauert 3 Wochen, kann es passieren, dass im Übergang ein Monat ausfällt. Tipp: Beim neuen Broker direkt nach Eröffnung den Sparplan einrichten – auch wenn das Depot noch leer ist.
Beispiel: Von Trade Republic zu Scalable Capital
Ein konkreter Fall, der oft vorkommt: Du startest mit Trade Republic, willst später aber zu Scalable Capital wechseln – wegen Web-Trader, mehr Charts oder höheren Zinsen mit Prime+. So läuft das ab:
Genauso funktioniert es umgekehrt – von Scalable zu Trade Republic. Mehr Details zu beiden Brokern findest du in unseren Erfahrungsberichten: Trade Republic Test und Scalable Capital Test.
Zielbroker noch nicht da?
Bevor du übertragen kannst, brauchst du das Ziel-Depot. Bei Scalable Capital ist die Eröffnung in 15 Minuten erledigt.
Scalable Capital ansehenHäufige Stolpersteine beim Depotwechsel
Bruchstücke werden nicht übertragen
Wenn du z. B. 12,357 Anteile vom MSCI World hast, wandern meist nur 12 Anteile zum neuen Broker. Die 0,357 Anteile musst du beim alten Broker verkaufen – das kann eine kleine Steuer auslösen.
Altes Konto zu früh gekündigt
Erst nach erfolgreichem Übertrag das alte Depot kündigen. Sonst hängt der Übertrag in der Luft. Warte auf die Bestätigungs-Mail des neuen Brokers, dann kannst du beim alten in Ruhe schließen.
Sparplan vergessen neu einzurichten
Der bequemste Modus: Schon bei Antragstellung am neuen Broker den Sparplan einrichten, dann läuft er automatisch los, sobald die Position übertragen ist.
Freistellungsauftrag vergessen
Beim neuen Broker musst du den Freistellungsauftrag neu setzen – der wird nicht mit übertragen. Sofort nach Eröffnung erledigen, sonst verschenkst du im laufenden Jahr Steuern.
Bereit?
Zielbroker auswählen, Übertrag starten
Beide großen deutschen Neobroker bieten den Übertrag standardisiert und kostenlos an. Eröffnung in 10–15 Minuten, Übertrag in 2–4 Wochen durch.
Übertrag kostenlos · Steuerdaten bleiben erhalten · 2–4 Wochen Dauer
1. Neues Depot eröffnen. 2. Übertrag beim NEUEN Broker beantragen. 3. Sparplan und Freistellungsauftrag neu einrichten. 4. Erst NACH erfolgreichem Übertrag das alte Depot schließen. So gehst du auf Nummer sicher und verlierst keinen einzigen Cent.
Häufig gestellte Fragen
Ist der Depotübertrag wirklich kostenlos?
Ja. In Deutschland darf der abgebende Broker für den Depotübertrag keine Gebühren erheben – das hat der Bundesgerichtshof 2004 entschieden. Der aufnehmende Broker erhebt ebenfalls keine Gebühren. Auch eventuelle Fremdgebühren (Lagerstellen, ausländische Verwahrer) sind in der Regel inklusive.
Bleiben meine Steuerdaten beim Wechsel erhalten?
Ja. Der abgebende Broker übermittelt automatisch alle relevanten Steuerdaten an den neuen Broker – Anschaffungsdaten, Anschaffungskosten, bisher gezahlte Vorabpauschalen, Verlustverrechnungstopf. Du musst nichts manuell nachreichen. Bei Verkauf wird der ursprüngliche Kaufkurs korrekt versteuert, nicht der Übertragsstichtag.
Wie lange dauert ein Depotübertrag?
Typisch 2–4 Wochen. Inländische Übertragungen (deutscher Broker zu deutschem Broker) sind meist nach 10–14 Tagen abgeschlossen. Auslandsdepots oder komplexe Bestände (z. B. Kryptowerte) können länger dauern. Während des Übertrags ist der Bestand kurz nicht handelbar.
Was passiert mit meinem laufenden Sparplan?
Sparpläne werden NICHT mitübertragen. Du musst sie nach dem Wechsel beim neuen Broker neu einrichten. Tipp: Lass den alten Sparplan parallel laufen, bis der Übertrag durch ist – und richte den neuen Sparplan beim neuen Broker bereits ein, sobald das Depot freigeschaltet ist.
Kann ich nur einzelne Positionen übertragen?
Ja, ein Teilübertrag ist möglich. Du gibst beim neuen Broker an, welche ISINs und welche Stückzahl übertragen werden sollen. Sinnvoll, wenn du beim alten Broker Bestände behalten willst – aber neue Positionen woanders aufbauen möchtest.
Muss ich beim alten Broker selbst etwas tun?
Nein. Der gesamte Übertrag wird vom neuen (aufnehmenden) Broker organisiert. Du füllst nur dort ein Formular aus. Der alte Broker erhält die Anfrage automatisch und gibt die Bestände frei. Erst NACH erfolgreichem Übertrag kündigst du dein altes Depot – falls überhaupt nötig.
